„Älter werden in dieser Zeit – in unserer Stadt“ war jetzt das Thema einer öffentlichen Veranstaltung des SGK-Kreisverbands Siegen-Wittgenstein. Zahlreiche Mitglieder der Seniorenbeiräte unserer Region, Vertreterinnen und Vertreter von Pflegeeinrichtungen sowie sonstige Interessierte waren der Einladung ins Kreuztaler „Haus der Fraktionen“ gefolgt. Als SGK-Vorsitzender war ich besonders erfreut, Franz Müntefering, unseren ehemaligen Vizekanzler sowie Bundesminister für Arbeit und Soziales, als prominenten Gast und Referenten begrüßen zu können. Der frühere SPD-Vorsitzende ist heute Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen, eines Dachverbands mit über 13 Millionen Mitgliedern.

 

In seinem Vortrag machte Franz Müntefering zunächst deutlich, dass der Anteil der über 80-jährigen Menschen in unserer Gesellschaft bis etwa 2040 weiter kontinuierlich ansteigen wird. „Die Menschen werden heute älter und gewinnen dadurch in der Regel gesunde Jahre. Gleichzeitig ist die Geburtenrate in Deutschland nach wie vor relativ niedrig“, so der frühere SPD-Spitzenpolitiker. Das größte Problem vieler älterer Menschen sei die drohende Vereinsamung oder gar Isolation, was auch daran liege, dass ‚Jung‘ und ‚Alt‘ heute in aller Regel nicht mehr in gemeinsamen Haushalten zusammenleben. Franz Müntefering appellierte an die noch rüstigen Senioren, ihre eigenen vier Wände zu verlassen und sich ehrenamtlich zu engagieren. „Unsere Gesellschaft besteht nicht nur aus Staat, sondern es bleibt genug zu tun. Hier sind auch die Älteren gefragt. Demokratie kennt keinen Schaukelstuhl“, unterstrich der heute 77-jährige frühere Bundesminister ‚im Unruhestand‘.

 

Franz Müntefering (r.) referierte in Kreuztal über die älter werdende Gesellschaft

 

Laufen, Lernen und Lachen, also dreimal „L“ – auf diese drei Dinge komme es im Alter an. Mit Blick auf die Angebote sportlicher Betätigung für Senioren meinte Franz Müntefering: „Bewegung schafft Begegnung. Alles, was soziale Kontakte mit sich bringt, ist von Vorteil. Das Zusammensein ist letztlich entscheidend.“ Wichtig sei, dass sich ältere Menschen umeinander kümmern und notfalls lernen, dies zu tun. Dabei komme es auf ein möglichst hohes Maß an ‚Herzensbildung‘ an.

Leider ‚flüchteten‘ heute nicht wenige alte Menschen in stationäre Einrichtungen, um der Einsamkeit zu entkommen. „Das muss aber nicht sein, sondern es gibt Alternativen, die organisiert werden müssen“, betonte Franz Müntefering. Eine besondere Verantwortung komme hier den Kommunen zu, die aufgefordert seien, sich verstärkt den Belangen älterer Menschen, die innerhalb ihrer Gemeindegrenzen leben, zu widmen. Dazu gehörten nicht zuletzt auch der Ausbau professioneller Beratungsangebote für Seniorinnen und Senioren. Der Staat müsse die Kommunen finanziell weiter stärken, so dass sie den wachsenden Aufgaben und Herausforderungen im Seniorenbereich künftig besser gerecht werden können.

 

Franz Müntefering referierte in Kreuztal über die älter werdende Gesellschaft

 

Mit Blick auf die letzte Lebensphase älterer Menschen, die häufig von schwerer Krankheit gekennzeichnet sei, bedürfe es, so der Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen, einer intakten Pflegeinfrastruktur sowie einer ausreichenden palliativmedizinischen Versorgung – beides sowohl stationär als auch ambulant. Der zunehmende Mangel an Fachkräften in der Kranken- und Altenpflege müsse auch durch eine bessere Bezahlung dieser Tätigkeiten sowie durch ein höheres Maß an Wertschätzung gegenüber den beruflich Pflegenden bekämpft werden. Ich stimme Franz Müntefering zu, dass die Pflege von Menschen zumindest den gleichen Wert hat wie z.B. die Arbeit eines Automechanikers. Um dem Ärztemangel auf dem Land zu begegnen, sprach sich Müntefering abschließend dafür aus, verstärkt Anreize für Medizinstudentinnen und -studenten zu schaffen, um sie für die ärztliche Arbeit im ländlichen Raum zu gewinnen. Die Vergabe von Stipendien, die an entsprechende Bedingungen geknüpft sind, seien ein mögliches Instrument.

Ich ziehe ein überaus positives Fazit dieses interessanten Abends: Die rege Diskussion hat gezeigt, dass es rund ums Älterwerden sehr viel Gesprächsbedarf gibt. Es ist richtig und notwendig, das Alter stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken. Die gelungene Veranstaltung mit Franz Müntefering hat hier, wie ich finde, einen wichtigen und wertvollen Beitrag geleistet.

Franz Müntefering referierte in Kreuztal über die älter werdende Gesellschaft